Müssen Sie funktionieren?

Krankheit als nährende Kraft

Sesammühle im Jemen

Wahrscheinlich halten Sie mich nach diesem Untertitel für verrückt. Das ist gut: Ein bisschen Ver-rücktsein ist ja nicht so schlecht, denn dann nimmt man das Leben mal aus einer anderen Sicht wahr.

Eigentlich wollte ich mich ja einem anderen Thema zuwenden, aber ich schreibe heute aus einem aktuellen Anlass. Eine Freundin von mir hat sich eine schwere Armverletzung zugezogen. Sie war ganz geknickt und traurig. Sie könne so viel Dinge zur Zeit nicht tun, der geliebte Sport ging gar nicht mehr und ihre ganzen Aufgaben und vieles, was auf ihr lastet, was auch das Muttersein mit sich bringt, bleibt liegen.

Ein harter Schlag. So einfach mit einem Plopp ist alles anders. Die täglichen kleinen Dinge, die man so nebenbei macht, werden schwierig. Man muss ganz viel um Hilfe bitten und ist oft zum Nichtstun gezwungen.

Ich habe noch die Worte meiner Freundin im Ohr: „Ich muss funktionieren“. Ja, das müssen wir alle oder glauben es zu müssen. Meine Freundin hat Kinder, einen Mann, ein Haus und Eltern, die auch mit Krankheit kämpfen. Viele Fronten, viele Sorgen, viel „Müssen“.

Schwer, oder?

Einmal den Pausenknopf drücken

Ist es da nicht legitim, dass man sich aus einer solchen Situation eine Art Ausweg, Flucht sucht oder sich einfach nur wünscht, mal auf den Pausenknopf drücken zu können? Man traut sich das aber nicht, weil man ja die Familie nicht allein lassen kann, weil man nicht weiß, was dann passiert, weil man immer im Kopf hört: „Du musst stark sein, du musst funktionieren.“.

Wir sind Gestalter

Ja, und dann kommt der Unfall, die Krankheit, was auch immer. Sie werden sagen: „Aber einen Unfall sucht man sich nicht aus …“ Stimmt, so betrachtet. Was bedeutet „Wir sind Gestalter“ bei dem Glaubenssatz„Ich muss funktionieren.“?

Ist es nicht manchmal so, dass wir nicht auf die Impulse in uns hören oder stellen wir nicht oft das, was wir jetzt gerade brauchen, auf die Seite? Wir denken: „Das geht nicht“, „Ich kann doch nicht ständig an mich denken“, „Ich hab so viel Verantwortung.“ und werden bei diesen Gedanken ganz schwer. Aber die Sache ist die: Wenn wir lange nicht auf uns hören, nach innen hören und die Impulse einfach wegstellen, leise stellen, abstellen, dann bahnt es sich einen Weg auf andere Art. Der Körper oder die Seele oder ein eigener Anteil kann dann sagen: „Du hörst nicht auf mich, meine Liebe, also hole ich mir, was ich brauche. Ein bisschen Ruhe, auch wenn es die harte Tour ist.“

Was brauchen wir wirklich

Bitte verstehen Sie mich hier nicht falsch: Es geht nicht nur um „Alles oder Nichts“. Oft genügt auch eine Stunde nur für uns – und vielleicht ist hier nicht unbedingt eine Lesestunde gemeint, sondern mal gar nichts zu tun und ganz bei uns selbst anzukommen.

„Krankheiten als nährender Anteil“

Jetzt muss ich nochmal ausholen: Erst gestern habe ich mir ein Buch gekauft von einer von mir sehr geschätzten Therapeutin: „Luise Reddemann – Eine Reise von 1.000 Meilen beginnt mit dem ersten Schritt“. Und interessanterweise habe ich nach dem Treffen mit meiner Freundin das Buch genau an der passenden Stelle aufgeschlagen: Darin schreibt die Autorin über die positiven Aspekte von Krankheit.

Der positive Aspekt von Krankheiten!?

Eingangs habe ich erwähnt, dass Krankheiten nährende Eigenschaften haben: Ist es vielleicht Aufmerksamkeit, sichtbare Liebe und Fürsorge durch andere, die wir so bekommen und uns anders nicht zu holen trauen. Oder einfach Hilfe von Außen (ehrlich: es ist oft sehr schwer, andere um Hilfe zu fragen, das kennen viele von uns).

Oder brauchen wir schlicht nur ein wenig Ruhe?

Meine Aufgabe für Sie

Nun die provokante Frage des Tages: Gehen Sie in sich und fragen sich, was Ihnen Ihr Leiden, Ihre Krankheit sagen will und was Sie dadurch bekommen. Und vielleicht gibt es einen anderen Weg, um genau das zu bekommen? Gelingt es Ihnen zum Beispiel einmal, über Ihren Schatten zu springen und um Hilfe zu fragen, ohne krank sein zu müssen?

Diese Fragen muss jeder für sich beantworten und es gibt kein Rezept, das für alle gilt. Wie schon so oft gesagt: Wir sind alle einzigartig und das ist gut so!!!

Blogbild Eva KeimelmayrEva Keimelmayr